22.01.2011

[Review] Palma, Félix J. - Die Landkarte der Zeit

Gebundene Ausgabe (mit Schutzumschlag)
Sprache: Deutsch
Erschienen: 2010
Originaltitel: El mapa del tiempo
Seiten: 714
Verlag: Kindler
ISBN: 978-3-463-40577-3
Preis: 24,95 €
Altersempfehlung: ab 14 Jahren 





Über den Autor:

Félix J. Palma wurde 1968 in Sanlúcar de Barrameda geboren und lebt heute in Madrid. Er absolvierte eine Ausbildung als Werbefachmann in Sevilla, bekam jedoch für seine ersten Erzählungen und Romane bereits so viele Stipendien und Preise, dass er den erlernten Beruf nie ausübte. „Die Landkarte der Zeit“ war ein Bestseller in Spanien und wird in über 20 Sprachen übersetzt. Palma erhielt dafür den Premio Ateno de Sevilla.


Klapptext:

London, 1896: Andrew hat die Liebe seines Lebens verloren. Zu lange zögerte er, seinem adligen Vater die Liebe zur Prostituierten Marie zu gestehen. Als sich Andrew endlich dazu durchringt, ist es zu spät. Marie wurde auf grausame Weise von Jack the Ripper ermordet. Acht Jahre später will Andrew sich das Leben nehmen, geplagt von Schuldgefühlen und Sehnsucht. Doch sein Cousin hält ihn davon ab. Denn er hat von einer Möglichkeit erfahren, wie man Maries Leben retten kann. Die Agentur für Zeitreisen Murray organisiert Reisen in die vierte Dimension. Kann man in die Vergangenheit zurück und Fehler wiedergutmachen? 

Unterdessen findet Claire Haggerty mit ihren modernen Ansichten im viktorianischen London keine Freunde und verliebt sich in einen Mann aus der Zukunft. Zeitreisen Murray macht’s möglich. Der Geliebte reist ihr nach in ihre Zeit und schreibt ihr mit der Hilfe von H.G. Wells sehnsüchtige Liebesbriefe. 

Inspektor Garrett soll drei Morde aufklären, die mit Waffen begangen wurden, die es noch gar nicht gibt. 

Ein dämonischer Bibliothekar führt alle zur Landkarte der Zeit, in der die Geschichten zusammenfinden. Gibt es die Zeitreisenden wirklich? Was ist Wahrheit, was Erfindung?

Was beweist es, dass man einen Brief von sich selbst aus der Zukunft erhält?


Meinung:

“Die Landkarte der Zeit” von Félix J. Palma wurde bereits 2008 in Spanien veröffentlicht und schwappte erst 2010 zu uns nach Deutschland herüber. Verständlich, denn die 714 Seiten zu übersetzten braucht seine Zeit. 
 
Meiner Ansicht nach hat hier der Übersetzer wirklich keinen einfachen Job gehabt und ihn dafür aber wirklich hervorragend durchgeführt. Da ich allerdings kein Spanisch – in diesem Fall wirklich schade – spreche, kann ich es leider auch nicht so gut beurteilen, wie jemand der Spanisch spricht bzw. liest. Aber die deutsche Ausgabe ist sprachlich wirklich sehr herausragend. Eine gehobene Sprache mit Charme, die mich als Leser wirklich vollkommen in ihren Bann gezogen hat. Sicherlich bevorzugt nicht jeder eine ausgefeilte Sprache, ich allerdings schon. Und dieses Buch sticht seit Langem nicht nur sprachlich, sondern auch von der komplexen Story und den unterschiedlichen Protagonisten hervor. Obwohl, selbst jemand, der auf eine gehobene Sprache bei seinen Büchern Wert legt, auch hier sicherlich den einen oder anderen Kritikpunkt finden mag. Denn auch ich konnte mich zeitweise nicht des Eindrucks verwehren, dass der Autor einen etwas herablassenden Ton anschlägt und sich nicht nur einmal über die Menschen, deren Wunschträume, Verhaltensweisen und auch deren Leichtgläubigkeit sowie über den Leser selbst amüsiert. Was sicherlich nicht jeder mit einem morbiden Humor – so wie ich persönlich – quittiert. 

Zudem erzählt der Autor die Geschichten seiner Protagonisten aus einer ganz ungewöhnlichen Perspektive. Nämlich der Perspektive des Autors. Ihr könnt mir glauben, dies war auch für mich anfänglich etwas ungewohnt, besonders in Momenten, wo er den Leser selbst anspricht und darauf hinweist, dass dies eine von ihm selbst kreierte Welt ist, von der er absolut alles weiß. 

Der Autor unterteilt seine Geschichte in drei Teile. In jedem Teil wird die Geschichte eines anderen Protagonisten erzählt. 

Im ersten Teil erzählt er die Geschichte von Andrew Harrington, einem Sohn aus adligem Hause, der einst in die Prostituiert Marie Kelly verliebt war und mit ihr eine geheime Beziehung führte, bis zu jenem tragischen Tag, an dem diese von Jack the Ripper auf grausame Weise getötet wurde und Andrew derjenige war, der ihren zerschundenen Leib gefunden hat. Andrew hat sich nie verziehen, dass er Marie Kelly nicht aus ihren Verhältnissen herausgerissen und so vor dem schrecklichen Tod bewahrt hat. Acht Jahre ist dies nun her und Andrew weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als sich das Leben zu nehmen. Doch dann eröffnet sein Cousin Charles ihm eine Möglichkeit seine einstige Geliebte zu retten, indem er durch die Zeit reist. Andrew weiß erst gar nicht, was sein Cousin da redet, bis er ihn darüber aufklärt, dass es sein einiger Zeit einen Unternehmer gibt, der Zeitreisen anbietet, zwar nur eine Reise in das Jahr 2000. Aber wer weiß, ob es nicht auch möglich ist in die Vergangenheit zu reisen? Da machen sich die beiden auf, den Unternehmer Gilliam Murray von Zeitreisen Murray aufzusuchen und ihnen eine Reise in die Vergangenheit zu gewähren. Doch leider entpuppt sich dies als Unmöglichkeit, denn Murray verfügt nach seinen Auskünften nur über die Möglichkeit, in die Zukunft des Jahres 2000 zu reisen, nicht jedoch in die Zukunft. Allerdings gibt der Unternehmer den beiden jungen Männern noch auf den Weg, dass möglicherweise der Autor von „Die Zeitmaschine“ H.G. Wells eine solche Zeitmaschine besitzt. Andrew und Charles machen sich auf zu Mr. Wells, um herauszufinden, ob dieser tatsächlich eine solche Maschine besitzt. Hat H.G. Wells tatsächlich die Möglichkeit durch die Zeit zu reisen? Und wenn ja, kann Andrew dann seine einstige Geliebte retten und mit ihr in der Zukunft glücklich werden? 

Im zweiten Teil erzählt der Autor die Geschichte von Claire Haggerty, die sich nicht wohl in ihrer Zeit fühlt, da sie – bis auf eine einzige Freundin – keine Freunde hat. Als sie mit ihrer Freundin heimlich eine Reise in das Jahr 2000 durch eine von der Firma Zeitreisen Murray organisierte Zeitreise macht, lernt sie den jungen Hauptmann Shackleton, der im Jahre 2000 die Welt von den Maschinenmenschen befreien soll, und verliebt sich auf den ersten Blick in ihn. Unerwartet trifft Claire den Hauptmann wieder, der ihr ihren Sonnenschirm zurückbringen wollte und erklärt, dass er sich ebenso in sie verliebt hatte. Skeptisch, wie Claire nun einmal ist, hinterfragt sie dessen Ambition und bekommt erklärt, dass er sich in sie verliebt habe aufgrund ihrer Liebesbriefe, die sie ihm geschrieben hat und er ihr. Doch leider bleibt den beiden nur dieser eine Tag um zusammen zu sein und dann muss er für immer in seine Zeit zurückgehen, da man Zeitreisen verboten. Wird Claire damit umgehen, dass ihr Hauptmann nie wieder zu ihr zurückkehren wird? 

Im dritten und letzten Teil soll Inspektor Garrett, der bereits auf der zweiten Zeitreise von Zeitreisen Murray Teilnehmer war, drei Morde aufklären, die mit unbekannt und seiner Ansicht nach zukünftigen – also noch nicht existierenden – Waffen verübt worden ist. Kann er den Täter, der ja ein Zeitreisender ist, fassen?

Die hier genannten Protagonisten sind wirklich allesamt sehr unterschiedlich. Während im ersten Teil Andrew allein den Protagonisten gibt und wir als Leser seine Erlebnisse – auch die seiner Zeitreise – miterleben, wird auch klar, dass er zugleich der einsamste, traurigste und schwerwiegendste Charakter dieses Buches ist. Mit Andrew fühlt man von vornherein mit, man versteht den Schmerz seines Verlustes, auch wenn ich persönlich ihn gerne einmal geschüttelt hätte, um ihm begreiflich zu machen, dass sein Leben weitergeht und er damals nicht Marie Kelly gestorben ist und er immer noch eine Zukunft haben kann. Aber nein, bis er diese Zeitreise unternommen hat und Maries Leben gerettet hat, kann er das nicht akzeptieren. Jahre lang hat er sich dagegen gewehrt, dies zu akzeptieren, denn Akzeptanz hieße vergessen – und vergessen wollte Andrew einfach nicht. 

Claire ist im Gegenzug zu Andrew zwar nicht gerade eine Frohnatur, aber dennoch weiß sie, dass das Leben immer weitergeht. Auch ist Claire anders als ihre Freundin, denn sie fühlt sich in ihrer Zeit nicht wohl, in der Frauen nur zum Kinderkriegen und Haushaltführen gemacht zu seien scheinen. Doch Claire will mehr. Sie will nicht einfach nur heiraten und Kinder kriegen; sie will leben und lieben und auch geliebt werden. Dies scheint ihr auch zu gelingen, als sie den Hauptmann kennenlernt. Leider ist Claire auch sehr naiv und glaubt den Menschen so ziemlich alles, was sie ihr erzählen; auch wenn eine natürliche Skepsis manchmal die Oberhand zu gewinnen scheint. Über den Hauptmann der in der Geschichte ebenso ein Protagonist ist, wie Claire, werde ich allerdings kein Wort verlieren, denn damit würde ich zu viel über die Geschichte und deren Geheimnisse verraten. 

Im letzten Teil der Geschichte folgen wir Colin Garrett, einen Inspektor von Scotland Yard, der die Morde an drei verschiedenen Opfern aufklären soll, die mit einer ihm unbekannten Waffe ermordet worden sind. Colin ist ein sehr intelligenter junger Mann, der weiß was er will und immer hart daran arbeitet, seine Fälle nicht nur richtig, sondern auch schnellstmöglich zu lösen. Leider ist sein Magen etwas empfindlicher, besonders, wenn er sich einen Tatort ansehen muss, was ihn gleichzeitig auch wieder sehr sympathisch macht, da man als Leser mitbekommt, dass er kein abgebrühter Polizist ist, sondern jemand, der auch am Leben nach wie vor teilhat. Teilen tut sich allerdings der Inspektor seinen Platz als Protagonist des abschließenden Teils mit der Schlüsselfigur des gesamten Buches – Mister H.G. Wells. Als Leser werden wir nicht nur in die Zeit des Autors, sondern auch seines Lebens gezogen. Wir erleben mit, woran der Autor gearbeitet hat und wie sein Privatleben ausgesehen hat, was ihn nicht immer sympathisch erscheinen lässt. Auch versucht Félix J. Palma aufzeigen, was möglicherweise im Kopf von H.G. Wells vorgegangen sein mag und was für ein Freigeist und Visionär er doch gewesen sein könnte. 
 
Aufgrund einiger angestellter Recherchen meinerseits konnte ich herausfinden, dass die Werke “Die Zeitmaschine” (1985) und “Der Unsichtbare” (1897), die erwähnt werden, tatsächlich in der Zeit in der die Handlungen hier spielen, entstanden bzw. bereits bekannt geworden waren. Genauso auch wie einige Details aus dem Leben des Autors, der ja wirklich in zweiter Ehe verheiratet war. Auch passen die Daten des später erwähnten Bram Stoker mit seinem Werk “Dracula” (1897) genauestens ins Bild. Félix J. Palma hat wirklich gut die Details seiner Schlüsselfigur und auch einiger seiner Nebencharaktere in die Geschichte einfließen lassen, was sie lebendiger und auch realistischer erscheinen lässt. Sogar die Frage, ob Zeitreisen möglich sind, wird hier heiß diskutiert sowie auch die Auswirkungen, gesetzt dem Falle sie seien möglich. Denn letztendlich ist nichts, wie es den Anschein hat.

!! Spoiler !!
Bedauerlich fand ich allerdings, dass letzten Endes immer noch Fragen offen bleiben. Wie z.B. die Frage, ob Claire jemals herausfinden wird, dass ihr geliebter Hauptmann im Kampf gegen einen Zeitreisenden stirbt. Oder was mit dem Zeitreisenden geschieht, nachdem er von Inspektor Garrett als Täter identifiziert worden ist? Sind die Leute jemals wirklich dahinter gekommen, was die Firma Zeitreisen Murray wirklich ist? Oder, ob es Zeitreisende wirklich geben wird? 

So präzise wie der Anfang ist, so vage bleibt leider das Ende. Alles in Allem ist “Die Landkarte der Zeit” aber wirklich eines der bestehen Bücher, welches ich in letzter Zeit gelesen habe und kann es daher nur empfehlen. 


Bewertung:

Ein interessantes, spannendes und faszinierendes Schauspiel, was einen schon nach den ersten Seiten in seinen Bann zieht und dazu nötigt, sich ständig über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten sowie den Auswirkungen von Zeitreisen Gedanken zu machen. Wenn ihr also ein wirklich gutes Buch lesen wollt und euch die kleinen Anmerkungen nicht stören, seid ihr mit “Die Landkarte der Zeit” bestens bedient. ^^

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